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Artgerechte Haltung von Hengsten

„Artgerecht“ ist wohl heute das Schlagwort im Pferdebereich überhaupt. Vor allem ist von Pferdeleuten wohl damit gemeint, dass man es an artgerechter Haltung, Erziehung, Ausbildung und nicht zuletzt Fütterung nicht mangeln lässt. Aber ist dem Pferd, und insbesondere Hengsten in seinem Wohlbefinden in jedem Falle Genüge getan? Heutzutage werden immer mehr Pferde um ihrer selbst willen und nicht zum Zwecke des Reitens, Fahrens oder Züchtens usw. gehalten. Und gerade deswegen ist es wichtig, zu differenzieren, was genau im Sinne des Wohlbefindens vertretbar ist.

Eine optimale Haltung von Hengsten ist für einen Otto-Normalverbraucher-Pferdehalter wohl nur sehr schwer möglich. Denn schon allein die Räumlichkeiten oder die Organisation eines Hengstalltages stellen Forderungen, eigene Wünsche und Bedürfnisse, sind sie auch noch so schön in der Phantasie ausgemalt, und meist sind besonders Frauen dem Mythos Hengst verfallen, machen nur zu bald der Realität Platz, und Aufzucht- oder Haltungsfehler können äußerst gravierend bei Herrn Hengst ins Gewicht fallen.

Sehr viel mehr als Besitzer einer Stute oder eines Wallachs sieht man sich als Hengstbesitzer auch gesellschaftlichen Zwängen unterworfen. Denn nach Meinung der Allgemeinheit sind Hengste sowieso bösartig, unerzogen, nicht beherrschbar, wenngleich auch wunderschön, wie ein fremdes Fabelwesen anzusehen…

So haben heute die meisten Hengste ein sehr trauriges Dasein in einer vergitterten Einzelhaft auf 3 x 3m, mit viel Glück ein Fenster, um ab und zu mal einen traurigen Blick nach draußen werfen zu können. Einzige Abwechslung des Tages ist der Ausritt/Ausfahrt und die Fütterung morgens und abends.

Diese Haltung ist keinesfalls das non plus ultra. Es geht auch anders, aber dazu muß man sich vorerst nicht Gedanken über die artgerechte Hengsthaltung machen, sondern über das natürliche Verhalten des Hengstes.

Dieser Begriff der artgerechten Haltung ist so oberflächlich, dass man dies nicht umhin kommt, ihn genauer zu betrachten.

Es gibt genügend Studien und einschlägige Literatur, welche die natürlichen Lebensräume und daraus resultierend, die natürlichen Verhaltensweisen in intakten Herdenverbänden und so genannten Junggesellenclubs beschreiben. Und sicher ist, dass sich unsere heutigen Hauspferde in dieser Beziehung keineswegs von den frei lebenden früher oder heute unterscheiden.

Pferde sind Herdentiere, und Hengste leben sowohl zufrieden in einer Stutenherde oder auch gemischten Hengst-Wallach-Gruppe.

Sicher gibt es vereinzelt und sehr selten Tiere, die kein Sozialverhalten aufweisen. Es sei dahingestellt, ob es durch Vererbung oder Aufzuchtfehler bzw. eben auch Haltungsfehler dazu gekommen ist.

Artgerecht bedeutet für unsere Hengste also genau wie für alle anderen Pferde die Haltung in der Gesellschaft von Artgenossen, mit Möglichkeiten zur Befriedigung des Laufbedürfnisses (ohne Reiter und Fahrer) und Fluchtverhaltens und letztlich auch die aktive Teilnahme von der weitergehenden Umwelt.

Dass heißt also, dass Herr Hengst toben und sich auslassen darf auf genügend großer Weide oder Auslauf, zusammen mit seinem Kameraden oder Stuten, dass er Regen und Schnee erleben darf und selbst entscheiden kann, wohin er gehen will.

Dass ein Hengst am sichersten in der Box aufgehoben ist, kann man bestenfalls als eine faule Schutzbehauptung halten, für Leute, die den Kern dieses Artikels nicht verstehen (wollen).

Denn auch ein Hengst hat ein Recht auf ein Stück eigenes Leben, und das es machbar ist, beweisen viele positive Beispiele!

Selbstverständlich muss man einiges investieren, aber ein Hengst, der sich in jeder Situation problemlos händeln lässt, der liebevoll Stuten deckt und noch dazu ein Ass unter dem Sattel oder vor der Kutsche ist, muss kein Märchenwesen aus fernen Welten bleiben.

Angefangen bei der Fütterung, reicht im Allgemeinen auch für Hengste eine reine Weidehaltung. Selbstverständlich sollte jeder für sich selbst abschätzen können, wenn der Hengst in der Decksaison stark frequentiert ist, ob die Fütterung entsprechend angeglichen wird. Doch auch hier gilt, weniger ist mehr und schon allein durch eine optimale Fütterung werden viele nervige Hengste wieder klar im Kopf.

Ermöglicht man dem Herrn Hengst zumindest stundenweise den täglichen Auslauf (allerdings genügend hoch muss die Einzäunung schon sein und sicher sowieso) oder Weidegang, noch dazu in Gesellschaft, hat man bereits viel für ein ruhiges und zufriedenes Pferd getan.

Die Erziehung eines Hengstes ist freilich eine knifflige Sache und damit betrauen kann man sicher keinesfalls Anfänger. Denn weit öfter und nachdrücklicher, als eine Stute oder Wallach es versuchen wird, stellt Herr Hengst die Position des Besitzers als Alpha-Tier in Frage. Gefragt sind dann auf jeden Fall Sach- und Fachkompetenz mit dem nötigen Feingefühl, wann der Punkt gekommen ist, dass Herr Hengst doch mal was Kräftiges hinter die Löffel braucht. Es gilt allerdings auch hier der Grundsatz: Loben ist besser, und zwar so oft wie möglich. Bereits im Fohlenalter kristallisiert sich der feine Unterschied deutlich heraus. Kleine Ladys sind bereits als Absetzer besser zu handhaben, als es die Lausbuben im Allgemeinen je sein werden. Schon hier legt man den Grundstein für eine saubere Erziehung, die für Herrn Hengst im späteren (Deck)alter so wichtig und auch unumgänglich ist. Man sagt zwar, „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Aber ganz so pauschal kann man es doch nicht sagen. Sicher ist eine Korrektur aber sehr aufwändig und kostenintensiv. Ebenso gehört sie allein in die Hände eines Fachmannes. Und ersparen sollte man solch eine Kur dem Hengst, den man sich ja mit Liebe  und Sorgfall selbst gezogen oder angeschafft hat, auf jeden Fall.

Deshalb sollte man bei Hengstchen ab dem frühesten Alter bereits die Halftergewöhnung und das Hufe geben in spielerischer Form einbeziehen. Genauso wichtig ist eine ganz sicher eingezäunte Weide, sowohl von der Einzäunung selbst als auch von der Höhe der Einzäunung.

Auch der Stall muß sicher sein und frei von Verletzungsmöglichkeiten. Mancher wird jetzt sicher sagen, dass dies auch für Pferde allgemein zutrifft, es ist jedoch unbestritten, dass Hengste auf jeden Fall einfallsreicher und zu höheren Intelligenzleistungen als Stuten oder Wallache in der Lage sind. Angefangen von dem Öffnen von, wenn man der Industrie glauben darf, absolut ausbruchsicheren, Türverschlüssen, über das Aufschrauben von Futtertonnen bis zum einfachen Hinausspringen aus halboffenen Boxentüren in Maniernote 8,0 und ohne Anzuecken.

Auf jeden Fall ist festzustellen, dass Einzelhaft und frühe, häufige Arbeit mit den Junghengst der beste Weg zum „Kracher“ oder „Bock“ ist. Man lasse ihn bis ins gleiche Alter wie Stuten oder bereits gelegten Hengsten einfach nur sich selbst sein und er sollte genau so viel Zeit zum Erwachsenwerden haben, wie seine Altersgenossen.

Im Übrigen lassen sich mit genügend Geduld und Zeit auch erwachsene Deckhengste so aneinander gewöhnen, dass sie eine Miniherde mit 2 Mitgliedern bilden. Und das ohne großen Aufwand und Platz. Auch mit noch mehr Mitgliedern in Form von Wallachen und Hengsten lässt sich dies machen.

Und letzten Endes ist das Höchste für Herrn Hengst, in einer fest strukturierten Stutenherde den Pascha spielen zu dürfen, mit seinen Stuten Fellpflege betreiben zu dürfen und die Vaterrolle für seine Fohlen zu übernehmen. Und aus Erfahrung weiß jeder, dass Hengste einfach doch die besseren Väter sind. Sie spielen noch lange mit ihrem Nachwuchs, wenn die Stuten bereits in der Sonne dösen.

In diesem Sinne sollte man doch einmal über bereits eingeschliffene Methoden nachdenken. Und übrigens, auch in der freien Natur darf bei Weitem nicht jeder Hengst decken, und unglücklich sind sie deswegen noch lange nicht. Deshalb sollte eine artgerechte Haltung jederzeit und sowohl für Reit- als auch Deckhengste möglich sein.

Crimmitschau, 24.09.2005